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	<title>Cornelia Füllkrug-Weitzel &#187; Humanitäre Hilfe</title>
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		<title>Tropfen auf den heißen Stein</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Sep 2013 20:20:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CFWAdmin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Ein Tropfen auf den heißen Stein. Oder: Der Tod wartet nicht bis alle Griffel gespitzt sind. Zur Ankunft von 150 Flüchtlingen aus Syrien in Friedland. Cornelia Füllkrug-Weitzel, 11.9.2013 Deutschland hat im März entschieden, 5000 Syrien-Flüchtlingen aufzunehmen. Heute kommen die ersten ca 110 davon in Friedland an. &#8230; <p><a href="https://fuellkrug-weitzel.de/204/" class="more-link"><span class="morelink-icon">Weiterlesen</span></a></p></p><p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/204/">Tropfen auf den heißen Stein</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><b>Ein Tropfen auf den heißen Stein. Oder: Der Tod wartet nicht bis alle Griffel gespitzt sind. Zur Ankunft von 150 Flüchtlingen aus Syrien in Friedland. </b>Cornelia Füllkrug-Weitzel, 11.9.2013</p>
<p>Deutschland hat im März entschieden, 5000 Syrien-Flüchtlingen aufzunehmen. Heute kommen die ersten ca 110 davon in Friedland an. An der Reihe von Kriterien, denen sie entsprechen müssen, scheitern viele Antragssteller – ein Grund für die extrem langsame Umsetzung des Beschlusses. Ca. 15.00 bis 18.000 Flüchtlinge haben darum ihr Glück auf eigene Faust gesucht, d.h. auf dem Weg des ‚normalen‘ Asylbewerberverfahrens.  Im Unterschied zu den ‚Kontingent‘-Flüchtlingen dürfen sie nicht ab sofort arbeiten und haben keinen für 2 Jahre gesicherten Aufenthaltsstatus.</p>
<p>Mindestens 6, 5 Millionen Syrer, ein Drittel der Bevölkerung,  sind auf der Flucht vor Bomben, Panzern, gezielten Hinrichtungen durch die Kriegspartei, die sie jeweils als ‚Feind‘ betrachtet oder vor Strafaktionen gegen ganze Quartiere, in denen sich die ‚falschen‘ angeblich verstecken.  Syriens arme Nachbarländer haben über 2,5 Mio von ihnen aufgenommen. Das sind 97 % aller über die Landesgrenzen Geflohenen. Die selber armen Gastgeberländer Jordanien und Libanon drohen jetzt schon unter der Last zu kollabieren, aber täglich kommen noch 5.000 Flüchtlinge neu dazu – so viele wie Deutschland insgesamt aufnimmt! Deutschland setzt in der EU mit seiner Aufnahmebereitschaft ein positives Zeichen. Aber die Zahlen sind unangemessen. Der UN-Flüchtlingskommissar erwartet von Europa, dass es unbegrenzt Flüchtlinge aufnimmt und nicht Tropfen auf den heißen Stein gießt.</p>
<p>Sicher kann Europa nicht das Flüchtlingsproblem Syriens lösen. Aber in Wochen, in denen Viele in Europa den Gedanken der ‚Humanität‘ als Begründung für militärische Interventionen bemühen,  sollten wir doch erst einmal ganz einfach mit einer Praxis der Humanität anfangen, die verglichen zu militärischem Eingreifen zudem noch sehr billig ist: 1. Bessere Finanzausstattung der  UN Flüchtlingsorganisation  zur Versorgung der Flüchtlinge in der Region. Bisher hat der UNHCR erst 1/3 der gemachten Zusagen erhalten. 2. Eine großzügige und unbürokratische europäische  Regelung für den vorübergehenden Aufenthalt  einer deutlich größeren Zahl  syrischer Flüchtlinge in Europa für die Dauer des Krieges und seiner Nachwehen. 3. Großzügiger Familiennachzug. Schön, dass Bundesminister Niebel jetzt auch schon  fordert, was durch die Kirchen und Wohlfahrtsverbände und einige Außenpolitiker  schon vor einem Jahr angeschoben wurde und in SPD-geführten Bundesländern schon Praxis ist: zusätzlich zum bisherigen Kontingent Familienangehörigen hier lebender Syrer  Aufenthalt zu ermöglichen. Gut, dass Niebel &#8211; nach Innenminister Friedrich  nun auch die CDU/CSU- und FDP-geführten Länder darauf aufmerksam macht, dass sie ein Legitimationsproblem bekommen, wenn sie nicht wenigstens, last minute‘ auch noch auf diesen schon längst fahrenden Zug  springen (was einige von ihnen ja auch schon begriffen hatten).  </p>
<p>Auf der Lokomotive der Humanität zu sitzen, sähe angesichts der gewaltigen Zahl von Syrern, die dringend vorübergehend Schutz brauchen, freilich anders aus: sich entschieden dafür zu engagieren, dass Deutschland eine sehr großzügige und seiner großen Finanzkraft angemessene unbürokratische Aufnahmeregelung findet und damit ein wirklich gutes Vorbild in Europa setzt und nicht ein ‚bisschen‘ Vorbild. Frei eingereiste Flüchtlinge müssen dabei  in die Regelungen mit einbezogen werden und die Kriterien für den Familiennachzug dürfen nicht so sein, dass nur reiche Familien sie erfüllen können.</p>
<p>Der Tod wartet nicht, bis alle Griffel gespitzt sind und bis die Luft über deutschen Stammtischen  so mit dem humanitären Geist getränkt ist, dass man mit einer solchen Regelung Wahlen gewinnen kann. Dem rassistischen Gedankengut keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft  einzuräumen, ist darum ebenso wichtig und gehört angepackt!</p>
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		<title>Demokratische Republik Kongo:  Reise durch ein gepeinigtes Land</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Jul 2010 20:16:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CFWAdmin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Humanitäre Hilfe]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Eine Woche Reise durch den Ost-Kongo, die Gewaltprovinzen Nord- und Südkivu, und ich möchte vergessen, was ich gehört und gesehen habe. Wie man das alles aushalten kann als Mensch, besonders als Frau, frage ich mich. Seit dem Ausbruch des Krieges in Ruanda 1994 und dem Übergreifen &#8230; <p><a href="https://fuellkrug-weitzel.de/demokratische-republik-kongo-reise-durch-gepeinigtes-land/" class="more-link"><span class="morelink-icon">Weiterlesen</span></a></p></p><p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/demokratische-republik-kongo-reise-durch-gepeinigtes-land/">Demokratische Republik Kongo:  Reise durch ein gepeinigtes Land</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p align="JUSTIFY"><span style="line-height: 1.7;">Eine Woche Reise durch den Ost-Kongo, die Gewaltprovinzen Nord- und Südkivu, und ich möchte vergessen, was ich gehört und gesehen habe. Wie man das alles aushalten kann als Mensch, besonders als Frau, frage ich mich. Seit dem Ausbruch des Krieges in Ruanda 1994 und dem Übergreifen des Konflikts auf die Demokratische Republik Kongo, erleiden die Menschen hier Wellen immer neuer kriegerischer Gewalt mit wechselnden Akteuren und Drahtziehern &#8211; inländischen und ausländischen &#8211; die kaum einer kennt. Dörfer samt ihren Bewohnern, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, werden niedergebrannt, Dorf- und Gemeinschaftsführer gezielt massakriert.</span></p>
<p align="JUSTIFY"><span style="line-height: 1.7;">Seit 1998 wurden hier nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 5 Millionen Menschen Opfer der gewaltsamen Auseinandersetzungen, die meisten von ihnen Zivilisten. Ihr Tod ist direkte Folge des Krieges – durch Überfälle und gezielte Massaker &#8211; oder indirekte Folge. Denn Mütter sterben während der Geburt, weil der Gesundheitsposten zerstört und die Hebamme geflohen ist, und Kinder sterben an Unterernährung auf der Flucht in die Wälder.</span></p>
<p align="JUSTIFY">Schwer nachzuvollziehen ist für alle, welche Machtkonstellationen gerade am Werk sind, und worum es im Einzelfall geht. Für die “großen Fische“ geht es letztlich immer um den Zugriff auf die unendlich reichen Ressourcen dieses Landes: Gold, Silber, Diamanten, Zinn, Coltan, Kupfer, Erdöl, Erdgas, Holz – um nur die wichtigsten zu nennen. Und für die “kleinen Fische“, die arbeitslosen Jugendlichen, die sich einer Rebellengruppe anschließen, oder für die Soldaten, die Monate lang keinen Lohn bekommen, geht es letztlich um den Zugriff auf die Alltagsressourcen der kleinen Leute: Ernten ohne zu säen, schlachten ohne zu mästen – das macht das Leben als Soldat oder Rebell attraktiv. Für die Bauern und Fischer ist nichts mehr sicher vor den marodierenden Rebellengruppen und dem Militär. Kein Halm auf dem Feld, keine Ziege im Stall, kein Honig im Bienenstock, keine Avocado auf dem Baum &#8211; alles, was die Menschen sich mühsam heranziehen, wird ihnen immer wieder genommen. Was lohnt es da noch zu ernten, zu säen, zu hegen, zu pflegen frage ich mich und überlege, ob ich nicht längst versucht hätte, auszuwandern. Bittere Armut, Hunger und Mangelernährung sind die Folgen für alle: Frauen und Männer, Kinder und Alte.</p>
<p align="JUSTIFY"><span style="font-size: medium;"><b>Gewalt an Frauen als Kriegswaffe</b></span></p>
<p align="JUSTIFY">Als wäre all das nicht schlimm genug, wird den Frauen und Mädchen noch viel mehr geraubt: ihre körperliche und seelische Unversehrtheit, ihre Würde, ihr guter Ruf, ihr Ansehen im Dorf und ihre Ehe. Die ruandischen Hutu-Rebellen der FDLR (<em>Forces Démocratiques de la Libération du Rwanda/ </em>Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) führten im Ost-Kongo äußerst brutale Vergewaltigungen, meist Massenvergewaltigungen, als systematischen Teil der Kriegsführung ein. Inzwischen gehören Vergewaltigungen zum Alltagsgebaren des kongolesischen Militärs. Egal ob 11 oder 86 Jahre alt, keine Frau, die auf dem Weg zur Wasserstelle die Wälder durchquert,oder zur Bestellung ihres Feldes am Waldrand muß, ist davor sicher, denn der tropische Regenwald, der fast die Hälfte des drittgrößten Landes in Afrika bedeckt, ist das ideale Rückzugsgebiet für Rebellen und Soldaten.</p>
<p align="JUSTIFY">Die betroffenen Frauen und Mädchen erleiden schwerste Verletzungen bis hin zu chronischer Krankheit, dauerhafter Behinderung oder einer HIV/Aids-Infektion. Einige sterben sogar an den Folgen der Vergewaltigung. Wird die Gewalttat entdeckt, muss das Opfer mit Stigmatisierung und Ausgrenzung rechnen. Viele der Frauen werden von ihrem Ehemann und der Dorfgemeinschaft verstoßen und leben daher oft in bitterer Armut. Was kann einer Frau denn noch passieren? Dass auch ihrer Tochter vor ihren Augen dasselbe Schicksal widerfährt? Das kommt nicht selten vor. Die betroffenen Frauen, die mir auf meiner Reise von ihren traumatischen Erlebnissen berichten, können es kaum ertragen, wenn eine von ihnen solche Details erzählt. Wie schwer solche Wunden heilen, wissen wir von den Frauen, die im Nachkriegsdeutschland Ähnliches erleiden mussten. Aber hier im Kongo ist das Ausmaß der Gewalt unfassbar: Sind es 60, 70 oder 80 Prozent aller Frauen, die solches Leid über sich ergehen lassen müssen? Keiner weiß es genau, doch die Auswirkungen sind erschütternd: Mehrere Generationen körperlich und seelisch verwundeter, entehrter Frauen blicken uns an. Mögen es Hunderttausende sein. Der Ost-Kongo gilt als der denkbar schlimmste Ort auf der Welt für Mädchen und Frauen.<span style="line-height: 1.7;"> </span></p>
<p align="JUSTIFY"><span style="font-size: medium;"><b>Hinschauen statt verdrängen</b></span></p>
<p align="JUSTIFY">Angesichts dieser unfassbaren menschlichen Dramen würde ich am liebsten einfach nur vergessen. Aber genau das ist das Problem: Im Ost-Kongo sehen wir eine der gegenwärtig größten Krisen der Welt. Eine von der Weltöffentlichkeit “vergessene“, besser “verdrängte“, Katastrophe – und das trotz hunderttausender Menschen, die ständig vor akut aufflammenden Gewaltherden fliehen müssen. 2009 war ein Viertel der Bevölkerung im Nord- und Süd-Kivu auf der Flucht, 1,5 Millionen intern Vertriebene sind es gegenwärtig im gesamten Ost-Kongo.</p>
<p align="JUSTIFY">Vergessen wollen wir, weil unsere Seele nicht groß genug ist, um das Elend zu ertragen und unser Verstand dieses undurchsichtige Geflecht von Tätern, Opfern, Drahtziehern und weiteren Akteuren nicht durchdringen kann. Dass die Öffentlichkeit vergisst und verdrängt &#8211; genau das will die Regierung der DR Kongo. Letztes Jahr wurden die Flüchtlingslager geschlossen , die den Menschen immerhin Aufnahme, Sicherheit und Unterstützung boten – gesichert durch internationale Organisationen. Dies hat die Flüchtlinge aus dem Zuständigkeitsbereich des Staates und der Weltgemeinschaft hinaus gedrängt ins Ungewisse.</p>
<p align="JUSTIFY">Nun sind sie im eigenen Land auf die Barmherzigkeit der verarmten Bevölkerung in den Dörfern angewiesen. Die flüchtenden Menschen hoffen auf Aufnahme, hoffen darauf, dass eine Familie ihre Ein-Raum-Hütte und ihre spärlichen Nahrungsrationen mit weiteren 5 bis 8 Personen teilt. Und tatsächlich: Viele Familien helfen. So werden die Millionen Vertriebenen trotz großer Not unsichtbar für die Weltöffentlichkeit. Die Lage sei stabil, das Land sicher, er habe alles im Griff, verkündet Präsident Kabila und möchte daher vor den Wahlen im nächsten Jahr die UN-Schutztruppe MONUC heim schicken. Der Abzug ist bereits eingeleitet.</p>
<p align="JUSTIFY">Es gibt reichlich Gründe, die teure militärische Präsenz und wohl auch die Art des Auftretens der MONUC zu kritisieren. Denn Sicherheit und Schutz bot sie den Menschen in diesem Land bisher kaum, ebenso wenig wie der eigene Staat. Anstrengungen, die kongolesische Armee auszubilden und dem humanitären Völkerrecht Geltung zu verschaffen, müssten massiv verstärkt werden. Dennoch verhindert die bloße Anwesenheit der Schutztruppe vermutlich noch Schlimmeres. Würde sie abziehen, könnten die Rebellen und Regierungssoldaten die Zivilbevölkerung noch zügelloser vergewaltigen und ausbeuten, fürchten die Menschen, mit denen wir sprachen.</p>
<p align="JUSTIFY">Augenzeugen der Gräueltaten sind nicht erwünscht. Hätte man sonst knapp vier Wochen vor den 50-Jahr-Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit die “Stimme der Stimmlosen&#8221;, Floribert Chebaya, ermorden lassen? Chebaya war Gründer und Präsident der gleichnamigen stärksten Menschenrechtsorganisation des Landes. Kongolesische und internationale Menschenrechtsorganisationen befürchten, dass er von der Polizei erschossen worden ist und verlangen eine unabhängige Untersuchung.</p>
<p align="JUSTIFY">Hinzuschauen gefährdet das eigene Wohlbefinden. Ich merke es: Mein Ohnmachtsgefühl regt mich ungeheuer auf. Man sehnt sich nach schnellen und endgültigen Lösungen dieses Konfliktes &#8211; aber es gibt sie nicht. Wenn ich an die unglaublich reichen natürlichen Ressourcen dieses Landes denke und an das große menschlichen Potential &#8211; so viele Kinder, die aus hellwachen, cleveren Augen in die Welt schauen &#8211; ist mir nicht bange um die Zukunft dieses Landes. Wenn, ja, wenn es seine Konflikte beenden könnte.<span style="line-height: 1.7;"> </span></p>
<p align="JUSTIFY"><span style="font-size: medium;"><b>Hoffnung auf Neubeginn für ein geschundenes Land</b></span></p>
<p align="JUSTIFY">Das Entwicklungspotenzial ist gewaltig. Ein Anschub, gezielte Hilfe zur Selbsthilfe, könnte nach Beendigung der Konflikte große Erfolge erzielen. Vielleicht nicht ganz rasche. Dazu ist das Land zu heruntergewirtschaftet, die Analphabetenrate in Nord-Kivu mit vermuteten 60 Prozent (Frauen 73 Prozent) zu hoch, die Gesundheitsversorgung zu mangelhaft &#8211; die Lebenserwartung beträgt nur 48 Jahre.</p>
<p align="JUSTIFY">Schon die belgische Kolonialmachtwar ein Terrorregime, das das Land ausplünderte und Bauern öffentlich verstümmelte, die die festgesetzte Sammelquote für Kautschuk nicht erreichten. Danach hat der Diktator Mobutu mit Unterstützung westlicher Regierungen das Land korrumpiert, in Rekordverschuldung geführt und staatliche Grunddienste zerfallen lassen. Dieser Staat hat sich zu lange nicht um seine Bürger gekümmert, ist für sein Volk nicht existent. Vor allem aber: Nachhaltige Entwicklung ist den Menschen im Ost-Kongo im Moment noch weitgehend verwehrt. Die Profitinteressen von in- und ausländischen Rebellengruppen, Militärs, Polizei, kriminellen Banden, internationalen Rohstoff- und Waffenhändlern stehen dagegen, die alle ihren Teil des reichhaltigen Kuchens, ihre Dollarernte, mit Gewalt verteidigen oder gar vergrößern wollen. Chaotische Verhältnisse sind gut für ihre Geschäfte.</p>
<p align="JUSTIFY">Noch gilt es also, die Ohnmacht der Menschen mit ihnen auszuhalten, sie für sie aushaltbarer zu machen. Ihnen beizustehen in einer Phase, in der sie – nach allgemeiner Definition – nicht ‚selbsthilfefähig‘, das heißt abhängig von humanitärer Hilfeleistung, sind. Richtig ist: Die Menschen haben keine Chancen zu zeigen, was in ihnen steckt, denn es wird ihnen ständig alles genommen. Aber: Organisieren sie nicht unter unsäglichen Umständen täglich neu ihr Überleben, helfen die Dorfbewohner nicht aufopfernd den Flüchtlingen? Und das in einer Weise, die mir größte Bewunderung abringt: Wer von uns kämpft so zäh jeden Tag um sein Recht auf Leben? Wer von uns teilt so existenziell? Nicht ‚selbsthilfefähig‘ heißt nur: Ihre Mühe ist aufgrund der Umstände häufig vergebens. Die Menschen im Ost-Kongo sind gegenwärtig – entgegen aller staatlichen Propaganda &#8211; noch massiv auf unsere humanitäre Hilfe angewiesen um zu überleben. Sehen wir hin!</p>
<p align="JUSTIFY"><span style="font-size: medium;"><b>Projekte der Diakonie Katastrophenhilfe sichern Überleben</b></span></p>
<p align="JUSTIFY">Denn: Trotz schwierigster Bedingungen hat die Diakonie Katastrophenhilfe vor rund zehn Jahren begonnen, den Menschen im Kongo beizustehen. Die Flüchtlinge und die aufnehmenden Familien erhalten Nahrungsmittel und weitere lebenswichtige Hilfsgüter, wie Moskitonetze, Decken, Kleidung, Kochgeschirr und Hygieneartikel. So wird die schlimmste Not gelindert und das Überleben der Menschen gesichert. 4.000 besonders bedürftigen Familien – das sind 20.000 Menschen &#8211; wird allein durch das aktuelle Projekt in Kamandi Gite und Kikuvo in Nord-Kivu geholfen. Da Hunderttausende auf der Flucht sind, ist der Bedarf allerdings wesentlich größer.</p>
<p align="JUSTIFY">Opfer sexueller Gewalt erhalten in lokalen Gesundheitsstationen medizinische und psychosoziale Unterstützung. Dazu werden zurzeit zehn Gesundheitsstationen auf dem Land mit Basismedikamenten und Verbrauchsmaterial ausgestattet. Im vergangenen Jahr wurden je 20 Sozialarbeitende und Pflegekräfte im Umgang mit Vergewaltigungsopfern geschult. Dieses Jahr werden nun Mitarbeitende der Polizei- und Justizbehörden fortgebildet, da Vergewaltigung noch immer nicht als Verbrechen begriffen wird. Die lokale Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe klärt zudem die Bevölkerung bei Veranstaltungen, mit Flugblättern und Radiospots über sexuelle Gewalt auf, um Verständnis für die Situation der Opfer zu wecken und der gesellschaftlichen Ausgrenzung entgegenzuwirken. Gleichzeitig informieren sie dabei über medizinische und psychologische Hilfsangebote, wie beispielsweise örtliche Selbsthilfegruppen.</p>
<p align="JUSTIFY">Neben der Nothilfe und der Hilfe für Opfer sexueller Gewalt spielt bei den Maßnahmen der Diakonie Katastrophenhilfe auch die Ernährungssicherung eine wichtige Rolle. Ziel ist, dass sich die Menschen wieder selbst versorgen können und Mangelernährung, besonders bei Kindern, vorgebeugt wird. Rund 20.000 Familien in Nord-Kivu erhalten dazu landwirtschaftliches Gerät und Saatgut. Da die meisten nach langen Vertreibungsgeschichten und Krieg kaum mehr Erfahrung in der Landwirtschaft haben, lernen sie auf Übungsfeldern nachhaltige Anbaumethoden . Zusätzlich werden 50 landwirtschaftliche Beratungskräfte ausgebildet, die ihr Wissen weitergeben. So können die Familien nahrhaftes Gemüse und Hülsenfrüchte ernten, die schnell genug wachsen zwischen den Vertreibungen, Auch lernen sie Methoden des Anbaus und der Viehhaltung und Fischzucht, die Den Rebellen und Militärs den allzuleichten Zugriff erschweren und sicher stellen sollen, dass genug zur Ernährung der Bevölkerung bleibt.</p>
<p align="JUSTIFY">Für tausende von Menschen eröffnet sich durch die Hilfe eine neue Perspektive – sie spüren, dass sie von der Öffentlichkeit eben nicht verlassen und vergessen sind.</p>
<p align="JUSTIFY"> <span style="font-size: medium;"><b>Ost-Kongo: Die Ärmsten gemeinsam unterstützen</b></span></p>
<p align="JUSTIFY">Nord- und Süd-Kivu und in Gebieten wie Ituri und Haut-Uélé gehen die gewaltsamen Konflikte aber weiter und fordern täglich immer noch unzählige Menschenleben. <b>Die Menschen in diesen Gebieten</b> <b>brauchen jetzt unsere Hilfe.</b> Der Krieg trifft sie so schuldlos wie die Menschen in Haiti das Erdbeben. <b>Ihnen heute zu helfen heißt, den Frieden von morgen zu bauen.</b></p>
<p align="JUSTIFY">Vielleicht haben wir uns viel vorgenommen, als wir in unserer bindenden Grundsatzerklärung formulierten „Kirchliche Katastrophenhilfe braucht einen langen Atem“. Wir begleiten die Menschen im Notgebiet solange sie Schutz und Hilfe benötigen – auch dann und gerade dort, wo besondere Notsituationen sind, wo Katastrophenfälle in Vergessenheit geraten sind oder gar nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Weil die Menschen dort sonst von der Welt verlassen wären, wenn auch sicher nicht von Gott. Er weist uns den Weg zu den besonders Gedemütigten, Ausgestoßenen, Verlassenen, denen wie Abrahams Magd Sarah ohne Beistand der Lebensmut auszugehen droht. Er bleibt bei ihnen in ihrer Not, macht ihnen Mut und gibt ihnen Kraft. Helfen wir gemeinsam. Wenn auch wir bei ihnen ausharren und bei allen Rückschlägen doch immer noch genug Gutes tun können, um diesen Menschen Überlebensperspektiven zu geben, zählt das mindestens genauso viel wie beeindruckende Zahlen erfolgreicher Entwicklungsprojekte!</p>
<p align="JUSTIFY">Zum ersten Mal in meiner bald elfjährigen Amtszeit habe ich auf einer Dienstreise ohne vorherige Rücksprache mit dem zuständigen Stab, ohne Rücksicht auf unsere zu Ende gehenden Mittel Menschen eine Zusage gemacht. Einer Gruppe von 150 schwer vergewaltigten Frauen, die – von Gesellschaft und Ehemännern verstoßen – ohne Heimat, Familie und Einkommenschance für sich und ihre Kinder sind, habe ich versprochen, dass die Diakonie Katastrophenhilfe sie nicht im Stich lässt.</p>
<p align="JUSTIFY">In meinem Herzen galt diese Hilfszusage allen leidenden Frauen und mangelernährten Kindern im Kongo. Bitte helfen Sie mir dabei, dieses Versprechen jetzt rasch zu realisieren. Lassen wir diese Menschen nicht allein. Ich danke Ihnen sehr!</p>
<p align="JUSTIFY">Mit freundlichen Grüßen</p>
<p align="JUSTIFY">Pfn. C.Füllkrug-Weitzel MA</p>
<p align="JUSTIFY">17.7.2010</p>
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		<title>Humanitäre Hilfe und Entwicklungsarbeit</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Nov 2005 18:45:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CFWAdmin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humanitäre Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Symposium des Bündnisses &#8220;Entwicklung Hilft&#8221; Qualität in HUMANITÄRER HILFE und ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT LRRD &#8211; Linking Relief, Rehabilitation and Development Input und weiterführende Fragen Zu den Qualitätskriterien humanitärer Hilfe hat VENRO schon Wesentliches gesagt und ich setze hiermit die Prinzipien des Code of Conduct, der SPHERE-Standards sowie weiterer international erarbeiteter &#8230; <p><a href="https://fuellkrug-weitzel.de/humanitaere-hilfe-und-entwicklungsarbeit/" class="more-link"><span class="morelink-icon">Weiterlesen</span></a></p></p><p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/humanitaere-hilfe-und-entwicklungsarbeit/">Humanitäre Hilfe und Entwicklungsarbeit</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;" align="CENTER">Symposium des Bündnisses &#8220;Entwicklung Hilft&#8221;</p>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Qualität in HUMANITÄRER HILFE und ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT<br />
<span style="line-height: 1.7;">LRRD &#8211; Linking Relief, Rehabilitation and Development </span><span style="line-height: 1.7;">Input und weiterführende Fragen</span></p>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">
<p style="text-align: left;" align="CENTER">Zu den Qualitätskriterien humanitärer Hilfe hat VENRO schon Wesentliches gesagt und ich setze hiermit die Prinzipien des Code of Conduct, der SPHERE-Standards sowie weiterer international erarbeiteter Standards für die Humanitäre Hilfe als Basiskriterien für Qualität etc. voraus und möchte dem heute nur Bemerkungen darüber hinzufügen,</p>
<ul>
<li>wie Erkenntnisse, Erfahrungen und Kompetenzen aus der Entwicklungspolitik dazu beitragen können und müssen, die Hilfe in humanitären Krisen zu qualifizieren und welchen Beitrag EZ zur Bewältigung humanitärer Krisen leisten kann und muss</li>
<li>wie das Zusammenspiel von HH und EZ gestaltet sein könnte, um optimalere Wirkung zum Wohle betroffener oder benachteiligter Menschen zu erzielen, deren eigene Kräfte nicht ausreichen, ihre gefährdeten Lebensbedingungen so zu gestalten, dass ein Leben in Würde möglich ist.</li>
</ul>
<h2>1. Nebeneinander, Übergang oder Miteinander? Die Entwicklung der LRRD-Diskussion</h2>
<p>Die Diskussion über den Zusammenhang von Nothilfe, Wiederaufbau und Entwicklung &#8211; LRRD – kam anlässlich der großen Hungerkrise in Afrika Mitte der 80er Jahre auf: Angesichts des Ausmaßes der Not traten einerseits die Grenzen von Nothilfe in das Bewusstsein. Andererseits waren kritische Fragen an die Entwicklungshilfe zu stellen, die diese dramatische Entwicklung über Jahre nicht adäquat vorhergesehen und nicht verhindert hatte. Die Diskussion wurde zu Beginn der 90er Jahre zunächst mit dem Tenor diskutiert:</p>
<p>Entwicklung kann die Notwendigkeit für oder mindestens das Ausmaß von Nothilfe reduzieren, Nothilfe kann Entwicklung und Wiederaufbauhilfe den Übergang zwischen Nothilfe und Entwicklung befördern – vorausgesetzt humanitäre Hilfe hat die Nachhaltigkeit ihrer Maßnahmen und die Entwicklungsnotwendigkeiten des jeweils betroffenen Landes im Blick und Entwicklungshilfe vernachlässigt über den großen Fragen sozialer und/oder politischer Transformation nicht die ideologisch weniger interessante Problematik natürlicher Klimaschwankungen. Fließende Übergänge und gegenseitige Ernstnahme schienen die Antwort: vom Nebeneinander zum organisierten Nacheinander.</p>
<p>Die nachfolgenden komplexen und langandauernden sog. ‚men-made’-Krisen in Ruanda, Balkan oder am Horn von Afrika in den 90ern gaben der Diskussion eine neue Dimension: Vor dem Hintergrund komplexer und z.T. chronischer humanitärer Notlagen mit politischem Hintergrund war die Rede/Theorie vom fließenden zeitlichen Übergang beider Hilfeformen wenig hilfreich:</p>
<p>Zum einen, weil in dieser Art humanitärer Krisen verschiedene Bedarfe gleichzeitig vorliegen können und möglich sind, so dass ggf. die verschiedenen Formen von Hilfe nicht als aufeinanderfolgende Phasen, sondern gleichzeitig geleistet werden müssen: statt Nacheinander ein Miteinander.</p>
<p>Zum anderen, weil eine durch politische Instabilität und Konflikt hervorgerufene humanitäre Notlage selten eine zeitlich befristete und rasch reparable Unterbrechung eines normal verlaufenden Entwicklungsprozesses ist, sondern eher Symptom eines falsch verlaufenden Entwicklungsprozesses.</p>
<p>An humanitäre Hilfe und Entwicklungshilfe wurde im Übrigen die Frage gestellt, wie sie im Land zu Konfliktprävention, Deeskalation und Versöhnung beitragen könne. Dabei stellten sich der humanitären Hilfe auch mit neuem Nachdruck die Fragen des Code of Conduct nach Unabhängigkeit und Neutralität, die von der Entwicklungshilfe indes bisweilen aus guten Gründen der Parteinahme für Schwache und den Menschenrechtsschutz abgewiesen werden müssen. Inwieweit darum in gewaltsamen Konfliktgebieten Kontinuität oder das (institutionelle) Miteinander von Entwicklungs- zur humanitären Hilfe möglich ist und wie sie die Akzeptanz der humanitären Hilfe beeinflusst, ist seitdem eine durchaus offene Frage.</p>
<p>Die Frage nach der Unabhängigkeit und friedensfördernder Qualität humanitärer Hilfe erhielt im Übrigen eine neue Dringlichkeit, aber auch Qualität durch die Instrumentalisierungsversuche humanitärer Hilfe durch ausländische Regierungen im Zuge der sog. Terrorismusbekämpfung (Afghanistan, Irak etc.).</p>
<p>Die Weiterentwicklung von Konzepten bezüglich des Verhältnisses von HH und EZ kam so lange nicht voran, wie für Naturkatastrophen und komplexe, z.T. chronische politische Katastrophen eine gemeinsam gültige &#8211; und damit unpolitische &#8211; Antwort gesucht wurde. Erst mit einer getrennten Betrachtungsweise gelang die Einsicht, dass HH und EZ auf eine Analyse der multiplen strukturellen Ursachen komplexer politischer Katastrophen angewiesen sind, um angemessene (konflikt-bezogene) Hilfestrategien definieren zu können (und dabei auch die Art des Ineinandergreifens und der Trennung beider Hilfsformen).</p>
<p>Währenddessen erhielt auch die Diskussion um die adäquate Reaktion und Hilfeform bei Naturkatastrophen durch verschiedene Großkatastrophen um die Jahrtausendwende (El Nino, Hurrikans Zentral Amerika, Erdbeben Gujarat, Türkei, etc.) neue Nahrung in Richtung: wie kann durch Entwicklung (und die nachhaltige Hilfe dazu) die Verwundbarkeit von Menschen gegenüber Klimaschwankungen und –phänomen verringert werden? Dabei musste auch in diesem Kontext erkannt werden, dass das Ausmaß von Naturkatastrophen strukturelle ökonomische und politische Ursachen hat, die bei der Hilfe zu beachten sind. Dennoch blieb der Umgang mit dieser Erkenntnis für Nothilfeorganisationen und für Entwicklungsorganisationen unterschiedlich.</p>
<p><strong>Fragen für die Diskussion:</strong></p>
<p>Werden humanitäre Hilfe und Entwicklungshilfe von unterschiedlichen Analysen der Ursachen von Not und des Bedarfs an Hilfe und von unterschiedlichen Zielstellungen geleitet?</p>
<p>Gälte es gegebenenfalls, eine gemeinsame Vision für das Handeln in beiden Feldern zu beschreiben, die sicher stellt, dass die Zielstellungen nicht aus-, oder schlimmstenfalls gegeneinander laufen und wie wäre sie zu beschreiben?</p>
<h2>2. Ursachen und Ausmaß von ‚Verletzlichkeit’ – eine Herausforderung an das Analysepotential</h2>
<p><b>2.1.</b> Von großer Bedeutung für die LRRD Diskussion war die Anerkennung der Tatsache, dass das Ausmaß der Zerstörung von Naturkatastrophen nichts ‚Natürliches’ hat, sondern durch vorfindliche<b> strukturelle soziale, ökonomische und politische Faktoren</b> bedingt wird, d.h. durch jene Faktoren, an denen langfristige Entwicklungshilfe arbeiten will und darum auch im Kontext, oder sollte man sagen: als indirekter Bestandteil? humanitärer Hilfe – und zwar präventiv wie nachsorgend &#8211; arbeiten muss:</p>
<p>Auch der Tsunami hat gezeigt, wie in Armut und Ausgrenzung lebende Menschen sehr viel existentieller und massiver von einem Naturereignis betroffen wurden, als besser gestellte und einflussreiche Bevölkerungsgruppen: die Lage von Wohn- und Lebensorten, die Bausubstanz ihrer Häuser, ihr alltäglicher Zugang zu Informationen und zu Ressourcen (Wasser, Nahrung, Kredite etc.), das Maß politischer Aufmerksamkeit und die Chancen auf politisches Gehör etc., bestimmten das Ausmaß ihrer Anfälligkeit und ihre Chancen auf Prävention und Schutz, auf Selbsthilfe und auf Zugang zu Hilfeleistungen durch andere. Neben den ökonomischen Unterschieden spielen strukturelle Unterschiede und Konflikte zwischen den Geschlechtern und Ethnien / Kasten etc., d.h. diskriminierende soziale Strukturen eine wichtige Rolle beim Ausmaß des Leidens unter den Folgen einer Naturkatastrophe und den Chancen auf bedarfs-angemessene Unterstützung in der akuten Not und Rehabilitation.</p>
<p><i>(Als Beispiel aus der Praxis schauen wir auf die Region Aceh in Indonesien, die aufgrund des verhängten militärischen Ausnahmezustandes, der eingeschränkten Zugänglichkeit und der damit einhergehenden langjährigen Vernachlässigung durch die Zentralregierung derart verletzlich und unfähig zur Selbsthilfe war, dass die Region die größten Schäden und die meisten Todesopfer verzeichnen musste. Ähnliches gilt für Sri Lanka als Bürgerkriegsregion mit verfeindeten Landesteilen.)</i></p>
<p>Naturkatastrophen machen aus sozial stark unterschiedlichen und auf Diskriminierung verschiedener Art aufbauenden oder zerrissener Gesellschaften nicht <span style="text-decoration: underline;">ein</span> Volk (oder eine Welt), das gemeinsam leidet und in der Not zusammen steht. Sie haben im Gegenteil das Potential, bestehende Gegensätze, Diskriminierungen und Konflikte zu vertiefen. Dies gilt entsprechend für eine Hilfe, die blind dafür ist: In vielen Fällen wurde schmerzlich erfahren, dass gutgemeinte Hilfe ohne Beachtung dieser strukturellen Faktoren die bekämpfte Ungleichheit und Ungerechtigkeit genau wieder reproduziert <i>(aktuelles Beispiel: Ausgrenzung von Dalits von staatlichen und internationalen Hilfeleistungen in Küstenorten Indiens)</i>. Für den Fall politisch bedingter humanitärer Krisen in Gewaltkonflikten war ähnliches schon früher erkannt und mit dem ‚Do no harm’-Konzept versucht worden, ansatzweise zu beantworten (s.o.).</p>
<p><strong>Daraus folgt dreierlei:</strong></p>
<p>a) Die Anerkenntnis und entsprechend: die Analyse unterschiedlicher Verletzlichkeit verschiedener Bevölkerungsteile ist mithin unerlässlich auch für gute humanitäre Hilfe: Sie legt den Finger auf Diskriminierung, Vernachlässigung und Marginalisierung, Menschenrechtsverletzungen und Ungerechtigkeit, die Menschen im Katastrophenfall doppelt schwer für dessen negative Auswirkungen anfällig machen.</p>
<p>b) Die erforderliche ökonomische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Machtanalyse fällt selbst noch vielen Entwicklungshilfsorganisationen schwer, die über Jahre und Jahrzehnte in einem Land arbeiten, weil eine solche Analyse sehr viel historisches Wissen, kulturelles Verständnis und intime Kenntnisse der Sozialstruktur – in den selbst innerhalb eines Landes noch einmal verschiedenen Regionen – eines Landes erfordert. Erst recht aber kann solche Kenntnis ganz und gar nicht bei Organisationen vorausgesetzt und von ausländischen humanitären Hilfsorganisationen erwartet werden, die im akuten Fall einer humanitären Hilfe eventuell erstmalig und in jedem Fall kurzfristig in ein Land kommen. Wenn sie keine eigene langfristige Präsenz im Lande oder – was deutlich idealer ist – langfristige Zusammenarbeit mit/Unterstützung von genuinen und erfahrenen lokalen Partnerorganisationen haben, dürfte ihnen eine unabhängige und zutreffende Sozial- und Machtanalyse sehr schwer fallen und die Risiken, bestehende Konflikte zu verschärfen oder Diskriminierungen zu vertiefen, sind für Organisationen, die im Krisenfall nur ad hocistisch von außen intervenieren erheblich.</p>
<p>c) Wenn Entwicklungshilfsorganisationen zur Überwindung von Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung, Rechtlosigkeit einen langfristigen Beitrag leisten wollen, so tragen sie damit zur Reduzierung der Verletzlichkeit aller Bevölkerungsgruppen bei und leisten damit einen eminent wichtigen Beitrag im Rahmen von <b>‚Katastrophenprävention’</b>. Im akuten Stadium können sie mit ihrem Partnerspektrum Anwalt besonders schwacher Bevölkerungsgruppen gegen diskriminierende Hilfsmaßnahmen und Wiederaufbaupläne sein.</p>
<p><b>2.2.</b> Analog ließe sich darüber hinaus sagen: Es gibt eine Korrelation zwischen <b>‚Verletzlichkeit’ der Umwelt</b> und dem Schadensausmaß von Katastrophen.</p>
<p>Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wissen um die negativen Auswirkungen von Umweltschäden auf langfristige Entwicklungsprozesse und die Risiken negativer Auswirkungen falscher Entwicklungsprogramme auf den nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die Erstellung von Umweltbilanzen ist darum nicht selten Bestandteil von Maßnahmenplanungen und Entwicklungsprogramme müssen auch zum langfristigen Ressourcenschutz beitragen.</p>
<p>Humanitäre Krisen sind bisweilen selbst Ergebnis Umwelt schädigenden Verhaltens der lokalen oder der Welt-Bevölkerung und sie ereignen sich besonders häufig in ohnehin fragilen Ökosystemen und verschlechtern die Umweltsituation in den betroffenen Gebieten in der Regel dramatisch – sei es durch Erosion, Versalzung von Böden, Vergiftung von Gewässern und Böden etc.. <i>(siehe u.a. aktuell die Anschwemmung von Giftfässern durch den Tsunami in Somalia)</i>.</p>
<p>Zu den wirkungsvollen Maßnahmen der Katastrophenprävention gehören darum auch Maßnahmen der Klimaprävention weltweit, wie des nachhaltigen Umgangs mit natürlichen Ressourcen (Böden, Wasser, Wald etc.) im Lebensalltag, der Landwirtschaft und der industriellen Produktion in den gefährdeten Ländern/Regionen.</p>
<p>Humanitäre Hilfsmaßnahmen mit ihrem zentralen Fokus auf der Überlebenssicherung und der schnellen Rehabilitation der Leben Einzelner bergen in noch höherem Maß als Entwicklungshilfe das Risiko in sich, Umweltzerstörung zu befördern <i>(siehe aktuelles Tsunamibeispiel: übermäßiger Holzeinschlag etc. für Baumassnahmen in Sri Lanka)</i>. Sie bedürfen darum einer besonders aufmerksamen Umwelt-Risikoabschätzung, und Komponenten der Rehabilitation der Umwelt.</p>
<p>Auch hierfür können (lokale und internationale) Partner der Entwicklungszusammenarbeit gute Anwälte und Ratgeber sein.</p>
<h2><b>Fragen für die Diskussion:</b></h2>
<p>Kann sich humanitäre Hilfe – anders als Entwicklungshilfe &#8211; leisten , oder muss sie es sich sogar leisten, ohne Analyse der vorfindlichen Sozial- und Machtstrukturen und der Umweltsituation zu intervenieren, wenn der humanitäre Imperativ in einer extremen Notsituation schnellstes Handeln erfordert? Darf der humanitäre Imperativ dazu führen, dass mittel- und langfristige negative Wirkungen eines Projektes auf die Machtverhältnisse zu Ungunsten der Schwächsten und zu Ungunsten der Umwelt für kurzfristige Überlebenssicherung in Kauf genommen werden?</p>
<p>Wer kann im akuten Katastrophenfall nach den Ursachen von Verletzlichkeit von Menschen und Natur fragen und zutreffende Sozial- und Umweltanalysen anstellen?</p>
<p>Wie müsste ein ‚do no harm’-Konzept für nicht-intendierte negative Nebenwirkungen von humanitärer Hilfe auf bestehende Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen in einer Gesellschaft und auf die Umwelt aussehen?</p>
<p>Welche Art Monitoring zur möglichst frühzeitigen Erfassung negativer Wirkungen der Hilfsmaßnahmen auf die Lage der schwächsten Gesellschaftssektoren und die Umwelt ist denkbar?</p>
<p>Wenn Reduzierung von Verletzlichkeit eine permanente und Querschnittsaufgabe ist, wo und wie ist sie optimal zu verankern – in der HH, in der EZ?</p>
<h2> 3. Auf Potentialen aufbauen, Potentiale aufbauen</h2>
<p>Die zunehmende Popularität der humanitären Hilfe und das parallel abnehmende Interesse an EZ hängt nicht nur mit der verbreiteten Vorstellung zusammen, dass – entgegen meiner bisherigen Aussagen – humanitäre Hilfe es mit weniger komplexen Problemen zu tun und weniger komplexe Zusammenhängen zu berücksichtigen hat und darum unmittelbarer und direkter dem gut gemeinten Sinne entsprechend auch gut ist. Diese unterschiedliche Entwicklung mag auch mit der Vorstellung/Erwartung zu tun haben, dass hier der ausländische Helfer noch mehr gefragt ist, den die allgemeine Durchsetzung des Selbsthilfeansatzes in der EZ weitgehend aus den Hilfsmaßnahmen herausgedrängt hat. Bilder von weißen Helfern in aller Art Uniformen (‚Deutsche helfen’) dominieren den öffentlichen Eindruck vom humanitären Hilfegeschehen.</p>
<p>Die großen Katastrophen diesen Jahres vom Tsunami über den Hurrican Stan zum jüngsten Erdbeben in Pakistan/Kashmir haben massiv die Infrastruktur des jeweiligen Landes zerstört. Dadurch waren die Betroffenen über mehrere Tage bis Wochen nicht von außen erreichbar und somit in großen Teilen der Nothilfephase ausschließlich auf ihr Selbsthilfepotential angewiesen. Dies hat erneut demonstriert, dass die Hilfe in den entscheidenden ersten Tagen in den betroffenen Regionen von der Bevölkerung selbst in großem Umfang zu leisten ist und im Rahmen ihrer Kapazitäten und Ressourcen auch geleistet wird – z.B. von den Kirchen und Gemeinden auf den indonesischen Inselgruppen der Nikobaren und Andamanen, die lange Zeit von der Regierung ignoriert wurden.</p>
<p>In der Konsequenz weist dies auf die dringende Notwendigkeit hin, in ‚ sog. ‚desaster prone areas’, d.h. Gegenden, die regelmäßig oder nach wissenschaftlicher Erkenntnis sehr wahrscheinlich von Naturkatastrophen heimgesucht werden, oder mit chronischen politischen Krisen fertig werden müssen, „zwischen den Katastrophen“ lokale Ressourcen zu stärken und Selbsthilfefähigkeiten auszubilden (capacitiy building). Im Sinne von ‚Preparedness<b>’</b> muss die Bevölkerung dabei unterstützt werden, sich ihrer eigenen Potentiale im Zusammenhang der humanitären Selbsthilfe bewusst zu werden und sie bewusst auszubauen. Ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation/ zum Community-Organizing muss gezielt unterstützt werden – was auch für langfristige Entwicklungsprozesse unabdingbar ist. Ferner muß auf allen Ebenen der Aufbau von Hilfsstrukturen und –mechanismen der Bevölkerung, bzw. lokaler gesellschaftlicher Organisationen, die Einrichtung von Frühwarn- und Kommunikationssystemen, die Anlage von Vorräten und Logistikplänen etc. gefördert werden. Als Folge solcher Maßnahmen wird die Kraft zur Selbsthilfe und in der Regel auch zur politischen Selbstartikulation gegenüber Regierenden wie auch fremdem Helfern etc. gestärkt, was auch in der Wiederaufbauphase bedeutsam ist und die Abhängigkeit der Betroffenen von Hilfe von außen reduziert. Eine der besten Voraussetzungen für Entwicklung – zugleich Ziele von Entwicklung.</p>
<p>Faktisch droht der Interventionscharakter humanitärer Hilfe jedoch latent, die betroffene Bevölkerung zu überrennen und ihr Subjektsein (nicht Objektsein!) der ersten Hilfe, der Rehabilitation und des Wiederaufbaus zu entwerten, sie zu entmündigen, entmutigen und ihre Gemeinschaftsstrukturen im schlimmsten Falle zu zerstören. Die Betroffenen selbst von Anfang an (d.h. bereits bei der Bedarfserhebung, Planung und Durchführung der Hilfsmaßnahmen) nicht nur formal mitentscheiden, sondern das Projekt eigenständig tragen zu lassen, ist darum nicht nur ein Mittel, sondern Bestandteil des mittel- und langfristigen Zieles: Stärkung lokaler Potentiale. In der Regel ist dies nur, oder mindestens besonders da möglich ist, wo ausländische Organisationen über lokale Partner arbeiten und konsequent auf die Mitarbeit der Bevölkerung als zentralem Bestandteil setzten.</p>
<p>Im Übrigen ist – jedenfalls für uns christliche Organisationen – die Achtung der Würde der Menschen und ihrer eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten das entscheidende Qualitätsziel, das hundertfach mehr wiegt als rein technische Qualitätskriterien (Größe, Form etc. von Toiletten etc.).</p>
<p>Die Ausrichtung auf die nachhaltige Stärkung vorhandener <b>Potentiale</b> im Zuge der Katastrophenhilfe umfasst indes ein erweitertes Umfeld: ausgehend von den eigenen Kräften und Möglichkeiten der Betroffenen über Nachbarregionen bis hin zu Nachbarländern. Eine Katastrophe ist immer dann am größten, wenn das Verhältnis zwischen vorhandenen Ressourcen zur Eindämmung von Schäden vor Ort, im Land, in der Region und dem akuten Bedarf negativ ist. Vorhandene Ressourcen müssen darum nicht nur identifiziert und optimal eingesetzt werden. Ihr Vorhandensein muss auch nachhaltig gepflegt, gestärkt und ausgebaut werden. Dies gilt z.B. für die Stärkung lokaler Produktion und lokaler Märkte etc. bei der Beschaffung von Hilfsgütern. Viel Schaden für die Wirtschaftskraft gesamter Regionen kann durch die Einfuhr von Lebensmitteln und Gütern bewirkt werden, die eigentlich im Land oder mindestens der Region selbst produziert und verkauft werden. Eine konsequente Entwicklungsorientierung der Nothilfe ist darum unabdingbar, da sonst die regionale Wirtschaftskraft und Ernährungssicherung in einer Weise zerstört werden können, die die Region noch verwundbarer für Katastrophen und im negativsten Fall sogar dauerhaft abhängig von externer Hilfe macht.</p>
<p>Es sollte darum grundsätzlich nur soviel an externen menschlichen und materiellen Ressourcen eingebracht werden, wie nicht vor Ort und in der erreichbaren Region verfügbar ist und die Partner vor Ort dezidiert als notwendige Ergänzung ihrer eigenen Potentiale nachfragen.</p>
<p><i><br />
</i><b>Fragen:</b></p>
<p>Katastrophen-Vorbeugung und -Vorbereitung (Preparedness und Prevention), die Stärkung des Selbsthilfepotentials sind unverzichtbare Bestandteile der Sicherung von Lebensbedingungen gerade in Gebieten mit hohem Risiko:</p>
<p>Wie hoch ist unsere Bereitschaft, diese Anforderungen offensiv in die normale Entwicklungsarbeit einzubeziehen?</p>
<p>Wie groß sind die Möglichkeiten der Katastrophenhilfe, bei knappen Finanzen Mittel von der Nothilfe für Vorsorge einzusetzen?</p>
<p>Welche Forderungen sind in diesem Kontext an die örtlichen Regierungen zu stellen?</p>
<p>Wie verträgt sich der Fokus auf vorhandene lokale, nationale, regionale Ressourcen mit dem Bedürfnis von Medien und Politik, ‚deutsche Hilfe’ als solche sichtbar zu machen?</p>
<p>Wie mit dem politischen Druck, gegebenenfalls eigene (z.B. Agrar-)Überschüsse zu verwenden?</p>
<p>Wie mit dem – durch das Steuerrecht erhöhten &#8211; Umsetzungsdruck hoher zweckgebundene Spendensummen – sofern gegeben? (Mit dem Einsatz eines interkontinentalen Transalltransportes für Hilfsgüter wird viel Geld auf einmal ausgegeben&#8230;.)</p>
<h2> 4. Vom Hilfs- zum Rights-Approach?</h2>
<p>Die Verweigerung elementarer Rechte und Freiheiten ist in vielen Fällen Mit-Ursache hoher Verletzlichkeit und Betroffenheit, inklusive der Schwierigkeit der Überwindung von Schäden aus eigener Kraft. Insofern muss ein Fokus auf Stärkung der Menschenrechte Betroffener präventiv in der Entwicklungszusammenarbeit und im Zuge der – mindestens mittelfristigen &#8211; humanitären Hilfe selbst gelegt werden. Dies korrespondiert mit dem Anliegen, die Menschen im Katastrophengebiet darin zu stärken, selbst Subjekte und nicht Objekte des Wiederaufbaus zu sein insofern, als es bei beidem um die Anerkenntnis der Tatsache geht, dass die Menschen, die in unseren Medien und bei manchen Hilfsorganisationen häufig als ‚Opfer’ portraitiert werden, keine Hilfsempfänger aus Gnaden sind. Sie sind vielmehr Träger von Rechten und Rechtssubjekte. Sie haben nicht nur ein Recht auf Leben, Gesundheit, Zugang zu sauberem Wasser etc. – den ganzen Kanon der WSK-Rechte -, sondern auch im speziellen Fall der humanitären Krise häufig auch ein Recht auf Entschädigung, das Recht auf Information und das Recht auf Selbstbestimmung. Alle drei Rechte spielen beim Wiederaufbau eine wichtige Rolle. In der Entwicklungshilfe wird seit längerem der Rights-Based-Approach diskutiert und Menschenrechts- und Entwicklungsorganisationen und ihre Partner können im Wiederaufbauprozess eine wichtige Rolle dabei spielen, daruf zu achten, dass diese Rechte eingehalten und umgesetzt werden. Aber es ist auch eine Aufgabe humanitärer Organisationen, diese rechte nicht nur bei ihrem eigenen Hilfsgebaren zu achten, sondern auch, die betroffenen Menschen dabei unterstützen, diese Rechte gegenüber den politisch Verantwortlichen einzuklagen. Ziel wäre hier, die Unabhängigkeit von fremder Hilfeleistung so rasch wie möglich wieder herzustellen, was bisher nicht zwingend dem Ansatz und Ethos humanitärer Hilfsorganisationen entspricht.</p>
<p>Langfristig in Richtung Prävention ist die Unterstützung besonders diskriminierter Bevölkerungsgruppen wie Frauen, ethnische Minderheiten, Kleinbauern und –fischer bei der Erlangung von Rechtstiteln zur Sicherung ihres Landes, ihres Gewerbes etc. notwendig, um die Verletzlichkeit dieser Gruppen zu senken.</p>
<p><i>Gute Beispiele sind hier in der Arbeit nach dem Tsunami die Unterstützung betroffener Küstenbewohner- noch während die erste Nothilfe im Gang war &#8211; dabei, ihre Interessen bei der Gestaltung der Wiederaufbaupläne (neue Flächennutzungspläne) durchzusetzen – durch Beschaffung, Sammlung, Dokumentation und Veröffentlichung von Informationen und durch Rechtsbeistand gegenüber Behörden zur Erlangung zustehender Hilfsmittel, Landtitel etc. und Lobbyarbeit.</i></p>
<p><i></i><strong>Fragen:</strong></p>
<p>Verträgt sich ein Rightsbased-Approach (oder mindestens Elemente davon) mit dem Image und Selbstverständnis humanitärer Hilfsorganisationen?</p>
<p>Steht politische Advocacy im Widerspruch zur notwendigen Neutralität humanitärere Organisationen? Gefährdet ein Engagement im rechtlichen/politischen Bereich die Möglichkeiten von Organisationen, zu helfen?</p>
<p>Wer kümmert sich um diese Rechte, wenn integrierte Nothilfe dies nicht kann oder will?</p>
<h2>4. Entwicklungsorientierte Nothilfe, Krisen-orientierte Entwicklungshilfe</h2>
<p>Einige Organisationen der Nothilfe, bzw. Organisationen, die Entwicklungs- und Nothilfe unter einem Dach vereinigen, reagierten auf die geschilderten Herausforderungen, indem sie Konzepte einer ‚entwicklungsorientierten Nothilfe’ entwickelten. Bei diesem Konzept werden sowohl die akuten Bedarfe der Überlebenshilfe (lives) erfasst und befriedigt, als auch der gesamte Lebenszusammenhang (livelihoods) der Betroffenen einbezogen und nachhaltig gefördert.</p>
<p>Um dies zu erreichen, bedenken spezialisierte Nothilfeorganisationen – wie die Diakonie Katastrophenhilfe – nicht nur jede Maßnahme unter dem Gesichtspunkt, wie sie langfristig Gerechtigkeit, Entwicklung, Frieden, Menschenrechte und Umwelterhalt fördert, statt sie zu unterlaufen, sondern dehnen ihre Hilfe in der Wiederaufbauphase auch auf die Förderung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Lebensbedingungen der Betroffenen aus.</p>
<p>Umgekehrt engagieren sich spezialisierte Entwicklungsorganisationen in akuten Nothilfephasen auf Seiten ihrer langfristigen Partner in Advocacy- und wiederherstellender Aufbauarbeit. Dies vor allem, wenn von ihnen geförderte Entwicklungsprozesse und -partner durch die Katastrophe direkt betroffen sind, oder wenn sie einen wichtigen Beitrag zur Abwendung drohender Diskriminierung im Hilfe- und Wiederaufbauprozess leisten können.</p>
<p>Gleiches geschieht analog zu den Geber-Organisationen auch in den Partnerorganisationen vor Ort, mit den gleichen Vor- und Nachteilen.</p>
<p>Auf diese Weise scheint der Gegensatz zwischen Nothilfe und Entwicklungshilfe heute zu verschwimmen: mit dem <span style="text-decoration: underline;">Vorteil</span>, der Komplementarität der beiden Bereiche gerecht zu werden; mit dem <span style="text-decoration: underline;">Nachteil</span>, eine Vernachlässigung originärer Arbeitsbereiche und eigener Schwerpunkte zu riskieren.</p>
<p>Zu letzterem muss festgehalten werden, dass einer der wichtigsten Unterschiede der beiden Arbeitsbereiche darin besteht, dass Humanitäre Hilfe unvorhersehbaren und unplanbaren Geschehnissen folgen muss, während Entwicklungshilfe Förderregionen und –sektoren auswählen und Prioritäten nach eigenen Kriterien setzen kann, die sie – gemäß der notwendigen Langfristigkeit der Strategie – in der Regel jedoch auch länger binden. Eine institutionelle Verschmelzung beider Hilfsformen hat darum einige Unwägbarkeiten und scheint nicht zwingend die beste Lösung, die Anliegen aufeinander zu beziehen.</p>
<p>Auch die sehr unterschiedliche Organisationskultur und Gangart von Nothilfe- und Entwicklungsorganisationen legen diese Abwägung nahe. Es ist schwer, von einem Arbeitsrhythmus zum anderen zu wechseln, oder beiden Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden, ohne die notwendige Qualität und Professionalität einzubüßen.</p>
<p>Dessen unbeschadet macht (vor allem, aber nicht nur) in langandauernden konflikt-bezogenen Krisen ein enges Zusammenspiel der Arbeitsbereiche Nothilfe und EZ in Fällen Sinn, in denen verschiedene Bedarfsszenarien nebeneinander bestehen und flexible aufeinander abgestimmte Antworten bedingen.</p>
<p>Frage: Welche Erfahrungen ziehen wir aus der teilweisen Überlagerung von Nothilfe und Entwicklungsarbeit für die Organisation der Arbeit in den Geber- und den Partnerorganisationen?</p>
<p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/humanitaere-hilfe-und-entwicklungsarbeit/">Humanitäre Hilfe und Entwicklungsarbeit</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></content:encoded>
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		<title>Hilflose Hilfe?</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Apr 2004 19:13:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CFWAdmin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humanitäre Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Artikel für das Berliner Sonntagsblatt im April 2004 Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe Gezielte Tötungen, Bombenanschläge, Straßenkämpfe und Entführungen, sexuelle und kriminelle Gewalt – ein Jahr nach dem offiziellen Ende des Krieges wird Sicherheit für die Bevölkerung im Irak immer mehr zum Fremdwort. Von sozialer &#8230; <p><a href="https://fuellkrug-weitzel.de/hilflose-hilfe/" class="more-link"><span class="morelink-icon">Weiterlesen</span></a></p></p><p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/hilflose-hilfe/">Hilflose Hilfe?</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Artikel für das Berliner Sonntagsblatt im April 2004<br />
<span style="line-height: 1.7;">Cornelia Füllkrug-Weitzel, Direktorin der Diakonie Katastrophenhilfe</span><br />
Gezielte Tötungen, Bombenanschläge, Straßenkämpfe und Entführungen, sexuelle und kriminelle Gewalt – ein Jahr nach dem offiziellen Ende des Krieges wird Sicherheit für die Bevölkerung im Irak immer mehr zum Fremdwort. Von sozialer und wirtschaftlicher Stabilität zu schweigen: Arbeitslosigkeit, unzureichende Strom- und Wasserversorgung, Ausbreitung von armutsbedingten Krankheiten und mangelnde Gesundheitsfürsorge. Die Unzufriedenheit wächst und schafft damit eine Basis für die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Besatzungskoalition und extremistischen Widerstandsgruppen. Mit den Entführungen westlicher Ausländer in den vergangenen Wochen wurde eine neue Eskalationsstufe erreicht.</p>
<p>Die Versorgung der Bevölkerung mit humanitären Hilfsgütern kann aufgrund der Ausgangssperren, Kampfhandlungen und Angriffe auf die Helfer in manchen Gebieten nur noch schwer sicher gestellt werden. Der Schutz der Bevölkerung, wie ihn das humanitäre Völkerrecht unter den Genfer Konventionen im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen vorsieht, ist gegenwärtig nicht gewährleistet.</p>
<p>Aber nicht nur Soldaten und Angestellte von privaten Sicherheitsfirmen sind Zielscheibe von gewalttätigen Übergriffen. Der Anschlag auf das Hauptquartier des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im vergangenen Herbst hat deutlich gemacht, dass die Gewalt erstmals auch vor humanitären Helfern nicht halt macht. Seitdem hat sich die Lage immer weiter zugespitzt: Krankenwagen werden beschossen, Erste-Hilfe-Zentren und Krankenhäuser von militanten Gruppen besetzt, Helfer gekidnappt. Die meisten internationalen Hilfsorganisationen haben ihre ausländischen Mitarbeiter inzwischen abgezogen, zu groß ist die Gefahr für deren Leib und Leben. Hilflose humanitäre Hilfe?</p>
<p>Humanitäre Hilfe in Konflikt- oder Kriegssituationen findet immer in einem gefährlichen Umfeld statt. Doch die bedenkliche Lage, in die humanitäre Helfer im Irak geraten sind, ist zumindest in Teilen auf eine Entwicklung zurückzuführen, die sich bereits zu Beginn des Krieges abgezeichnet hat: Nicht nur Journalisten wurden von der US-Regierung strategisch „militärisch eingebettet“, auch humanitäre Hilfsorganisationen waren Objekt von Vereinnahmungs- und Instrumentalisierungsversuchen. Der Versuch der USA, militärische und humanitäre Aktionen miteinander zu vermischen, hat die in solchen Situationen dringend gebotene Neutralität und Unabhängigkeit der humanitären Hilfe bedroht. Gemeinsam mit ihrem internationalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT hat die Diakonie Katastrophenhilfe immer wieder vor den Folgen einer solchen Strategie gewarnt.</p>
<p>Die Nähe zu militärischen Operationseinheiten birgt nicht nur ein hohes Sicherheitsrisiko für die humanitären Helfer, die dadurch als Kombattanten erscheinen. Die Unterhöhlung von Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der humanitären Hilfe, ihrer obersten Prinzipien, kann langfristige Folgen haben für die Möglichkeit, zivilen Opfern in einem Krieg beizustehen. Was, wenn die Gewalt gegen humanitäre Einrichtungen und Helfer im Irak ein Anfang ist, an dessen Ende niemand mehr die Neutralität humanitärer Hilfe ernst nimmt und die Bestimmungen des humanitären Völkerrechtes beachtet?</p>
<p>Dann hätte die Völkergemeinschaft keine Instrumente mehr, um die verheerenden Wirkungen von kriegerischer Gewalt auf die Zivilbevölkerung einzudämmen. Sie wären durch solch allseitige Missachtung stumpf geworden. In den innerstaatlichen Konflikten Afrikas scheint man sich schon fast an diese Hilflosigkeit gewöhnt zu haben. Im Irak stehen die humanitäre Hilfe und die Achtung des humanitären Völkerrechtes nun in einem internationalen Konflikt auf dem Spiel. Deeskalation ist also nicht nur im Interesse der in diesem Konflikt betroffenen Bevölkerung.</p>
<p>Die gute Nachricht zum Schluss: Die Hilfsmaßnahmen der Diakonie Katastrophenhilfe gehen trotz der schlechten Sicherheitslage weiter. Denn es sind lokale und regionale Partner, die sie verantworten. Sie wollen und können die Hilfe unter sehr schwierigen Bedingungen fortsetzen – auch wenn sie angesichts der prekären Sicherheitslage notwendigerweise Einschränkungen unterliegt. Vertrauen, das sich durch Vertrautheit mit den lokalen und kulturellen Gegebenheiten sowie durch eine verlässliche Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort aufbaut, ist der beste Schutz. Noch muss humanitäre Hilfe nicht hilflos sein.</p>
<p>Die Diakonie Katastrophenhilfe stärkt die Selbstverantwortung und Handlungsmöglichkeiten der lokalen kirchlichen Partner. Ganz wichtig ist uns dabei, dass die Hilfsprojekte so angelegt sind, dass sie nachhaltige Perspektiven schaffen, allen dienen und so zur Versöhnung und zum Aufbau der Zivilgesellschaft beitragen.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Humanitarismus in der Krise: Macht und Ohnmacht der Hilfe</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Mar 2003 19:41:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>CFWAdmin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Humanitäre Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Positionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Medico-Konferenz 28.-29. März 2003: Hilfe – eine Geißel der Außen- und Sicherheitspolitik ?  So verlockend es auch in der jetzigen Situation wäre, möchte ich das Thema nicht unter das Motto „Anklage böser Mächte“ stellen, sondern als kritische Selbstschau der humanitären Hilfsorganisationen behandeln. Lassen Sie mich mit &#8230; <p><a href="https://fuellkrug-weitzel.de/humanitarismus-in-krise-macht-und-ohnmacht-hilfe/" class="more-link"><span class="morelink-icon">Weiterlesen</span></a></p></p><p>The post <a href="https://fuellkrug-weitzel.de/humanitarismus-in-krise-macht-und-ohnmacht-hilfe/">Humanitarismus in der Krise: Macht und Ohnmacht der Hilfe</a> appeared first on <a href="https://fuellkrug-weitzel.de">Cornelia Füllkrug-Weitzel</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;" align="CENTER">Medico-Konferenz 28.-29. März 2003:<br />
Hilfe – eine Geißel der Außen- und Sicherheitspolitik ?</p>
<p style="text-align: left;" align="CENTER">
<p align="JUSTIFY"> So verlockend es auch in der jetzigen Situation wäre, möchte ich das Thema nicht unter das Motto „Anklage böser Mächte“ stellen, sondern als kritische Selbstschau der humanitären Hilfsorganisationen behandeln. Lassen Sie mich mit einer zentralen Aussage des Code of Conduct beginnen, dem sich alle wichtigen zivilen und kirchlichen humanitären Organisationen verpflichtet haben:</p>
<p align="JUSTIFY"> „Wir werden darauf achten, dass wir nicht zum Instrument der Außenpolitik von Regierungen werden..(wir) sind Organisationen, die unabhängig von Regierungen handeln. Deshalb formulieren wir unsere eigenen Vorgehens- und Durchführungsstrategien. Wir haben nicht die Absicht, Regierungspolitik umzusetzen&#8230;ebenso wenig werden wir uns zu Handlangern für die Außenpolitik der Geberegierungen machen.“</p>
<p align="JUSTIFY">Ziel dieser Selbstverpflichtung soll die Erfüllung des humanitären Imperativs sein: d.h. humanitäre Hilfe ohne jegliche Ausgrenzung allein nach dem Gewicht der Not und dem Grad der Bedürftigkeit zu leisten und bewusst HH nicht als parteiischen oder politischen Akt zu verstehen. Nun steht dieses hehre Prinzip diametral zum provokativen Titel dieser Runde: „Hilfe – eine Geißel der Außen- und Sicherheitspolitik ?“ und wirft Fragen auf:</p>
<p align="JUSTIFY"><strong> Aber zunächst generell:</strong> zur Geißel und zum Spielball der Politik wird man dann,</p>
<ul>
<li>
<p align="JUSTIFY">wenn man sich als abhängiger, machtloser Gefangener sieht, der sich der Politik und ihren Regeln unterwerfen muss;</p>
</li>
<li>
<p align="JUSTIFY">wenn man nicht weiß, an welchem politischen Spiel man beteiligt ist, welche Rolle man darin einnimmt und welche Wirkung man hat oder haben kann;</p>
</li>
<li>
<p align="JUSTIFY">d.h. letztlich wenn man passiv und unwissend bleibt und nur reagiert, anstatt wissend und pro-aktiv zu handeln.</p>
</li>
</ul>
<p align="JUSTIFY">
<ol>
<li>
<p align="JUSTIFY">Wir haben gerade aus der jüngeren Entwicklung gelernt – und dabei haben wir schmerzhaft einige Wunschvorstellungen begraben müssen -, dass von unserer bzw. westlichen Regierungen und den großen Medien in solchen Konflikten, in denen man massive Interessen verfolgt und politisch-militärisch-kriegerisch intervenieren will, das ethische, humanitäre Argument immer stärker als politisch-ethische Rechtfertigung eingesetzt und die Humanitäre Hilfe immer enger in die politische Kriegs- und Nachkriegsstrategie ein- und untergeordnet wird &#8211; sozusagen als öffentlichkeitswirksame und den schmerzhaften Krieg mildernde humanitäre Unterkomponente. Überspitzt hat Jens Jessen kürzlich in der ZEIT<sup><a href="#sdfootnote1sym" name="sdfootnote1anc"><sup>1</sup></a></sup> dies mit der Arbeitsteilung zwischen Chirurg und assistierender Schwester verglichen. Der erste schneidet das böse Krebsgeschwür heraus, die Schwester sorgt dafür, dass die notwendige Wunde nicht zu sehr blutet.</p>
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<p align="JUSTIFY">Ich meine, die Politik zieht in solchen Konflikten die zivilen humanitären Hilfsorganisationen zunehmend in die Rolle effizienter humanitärer „Dienstleister“, die sich nicht nur der großen politischen Logik beugen, nein, in der konkreten Planung mit klaren Orientierungen eingebaut sind. Dass diese Art von Zusammenarbeit nicht nur über Argumente zustande kommt, sondern über Konkurrenz und Zugang zu öffentlichen Mitteln, Gunst- bzw. Ungunstbeweise der großen Medien, und damit des davon abhängigen Spendenmarktes, sowie über eine ganze Palette von sonstigen Druckmitteln, aber auch lockenden Schutz- und Kooperationsangeboten beeinflusst wird, haben viele erfahren können. Wohlgemerkt: dies ist keine moralische Wehklage gegenüber der Politik und ihren Absichten, sondern ein Versuch, die realen Verhältnisse und unsere Schwächen zu beschreiben.</p>
<p align="JUSTIFY">
<p align="JUSTIFY">Erste Frage: Sind wir zu solcher Machtlosigkeit verurteilt, müssen wir uns letztlich mit der Rolle als eingebundene und politisch abhängige humanitäre Organisationen abfinden? Oder sind wir in der Lage, gemeinsam Gegengewichte zu setzen und Strategien zu entwickeln, die uns mehr Spielraum geben, nicht nur im deutschen, sondern im internationalen Rahmen?</p>
<p align="JUSTIFY">
<ol start="2">
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<p align="JUSTIFY">Ich möchte mit der kritischen Selbstschau weiterfahren. Die Entwicklung hat ebenfalls gezeigt, dass unser humanitäres Credo „HH nicht als parteiischen oder politischen Akt zu verstehen“ nicht davor geschützt hat, dass in vielen Gewaltkonflikten/Kriegen die HH der zivilen Hilfsorganisationen handfeste politische Auswirkungen hatte und politische Zeichen setzte. Viele erinnern sich an die Vorwürfe aus Politik und Medien, mit unserer HH würden machtgierige lokale Warlords und Potentaten alimentiert und damit sinnlose lokale Kriege verlängert. Aus den USA kam das Konzept „Do no harm“<sup><a href="#sdfootnote2sym" name="sdfootnote2anc"><sup>2</sup></a></sup>, wohlgemerkt als Handlungsanleitung für humanitäre Organisationen, um durch gezieltere Hilfe zu friedlicher Lösung beizutragen. Als Wechselbad erleben wir nun seit dem Kosovokrieg, spätestens nach dem 11. September, wie westliche Politik in solchen Konflikten nun eine globale Herausforderung sieht und die kriegerische Intervention als ethische Lösung fordert samt aktiver Parteinahme der Hilfsorganisationen. Und dasselbe erlebt die betroffene Bevölkerung: wie humanitäre Organisationen ihr Personal und Hilfsleistungen vor der drohenden militärischen Intervention abziehen und nach erfolgreicher Intervention wieder unter dem Schutz, ja sogar im direkten Tross des siegreichen Militärs zurückkehren. Gewollt oder ungewollt, haben auch hier humanitäre Organisationen klare politische Signale gesetzt und Wirkung gehabt.</p>
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<p align="JUSTIFY">
<p align="JUSTIFY">Zweite Frage: Wenn es deutlich wird, dass Hilfsorganisationen durch ihre Aktion bzw. Nichtaktion in Konflikten auch politische Wirkungen haben – gegenüber der betroffenen Bevölkerung, gegenüber den lokalen Konfliktparteien und der internationalen Politik, soll das verschwiegen bleiben oder benannt und bewertet werden? Wenn ja, nach welchen ethischen Grundsätzen?</p>
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<ol start="3">
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<p align="JUSTIFY">Das führt mich direkt zum letzten Punkt: Wir kämpfen in diesen Konflikten und Kriegen um den politikfreien neutralen humanitären Raum, den es offenbar in den letzten großen Konflikten immer weniger oder gar nicht mehr gibt, wenn man Bob Woodwards Internas aus seinem jüngsten Buch über die amerikanische Kriegsführung in Afghanistan<sup><a href="#sdfootnote3sym" name="sdfootnote3anc"><sup>3</sup></a></sup> Glauben schenkt oder die aktuellen humanitäre Planung des US-Militärs für den Irak verfolgt. Aber gibt es denn diesen neutralen Raum in unseren humanitären Organisationen? Ist es nicht vielmehr so, dass auch unser humanitäres Engagement durch eine Bandbreite christlich-religiöser, politischer oder sozialer Überzeugungen mitgeprägt ist, die bewusst/ unbewusst in die humanitären Bewertungen und Aktionen einfließen und eingeflossen sind? Ich spreche von Themen wie Parteinahme für die Bedürftigsten, Frieden versus Krieg und Gewalt, religiöser/ethnischer Ausgleich und Versöhnung versus Hass, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechten, Demokratie versus Diktatur, und nicht zuletzt christlicher Nächstenliebe, ethische Wurzel für viele moderne humanitäre, pazifistische, soziale und politische Überzeugungen. Als christliches humanitäres Hilfswerk fällt es uns wahrscheinlich leichter, unser humanitäres Engagement ohne größeres Kopfzerbrechen mit anderen ethischen Grundsätzen zu verbinden: auch als Schutz und Immunisierung gegenüber den Einflüssen und dem Druck einer zweckorientierten und wechselhaften Ethik in der Politik.</p>
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<p align="JUSTIFY">
<p align="JUSTIFY">Dritte Frage, dieich auf das aktuelle Kriegsszenario beziehe: sollten wir neben unserem humanitären Appell in Zukunft nicht auch ein klares Friedens- und Versöhnungscredo in unserer Öffentlichkeitsarbeit, gegenüber der Politik und in unseren Hilfsprogrammen vertreten</p>
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<p align="JUSTIFY">Sollten wir öffentliche Mittel annehmen, wenn die staatliche Seite keine ernsthafte Friedenspolitik betreibt?</p>
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<p align="JUSTIFY">Sollten wir uns zusammen mit anderen für friedliche Konfliktlösung und gegen die zunehmende militärische Bedrohung der Zivilbevölkerung einsetzen?</p>
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<p align="JUSTIFY">Muss heute zur Kriegsprävention – nach unseren Kampagnen zur Ächtung von Kleinwaffen und Landminen – nicht auch wieder eine globale Lösung für das weltweite Potential an ABC- und konventionellen Massenvernichtungswaffen suchen, das die zivile Menschheit bedroht?</p>
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</ul>
<p align="JUSTIFY">
<p align="JUSTIFY">Sie sehen, wir stellen uns und Ihnen ernsthafte, ja provozierende Fragen und haben selbst darauf noch keine fertigen und schlüssigen Antworten. Aber angesichts des sich ausweitenden und eskalierenden Kriegs- und Konfliktdramas, das sich vor unseren Augen abspielt und die Zukunft beherrschen wird, müssen wir uns heute mehr denn je der Debatte über die Rolle und der humanitären Hilfe und der Hilfsorganisationen stellen. Und es treibt uns dabei ein tiefe ethische Grundverantwortung, nämlich nicht durch unsere „humanitäre Unschuld“ zu Mitschuldigen zu werden.</p>
<p align="JUSTIFY">
<div id="sdfootnote1">
<p><a href="#sdfootnote1anc" name="sdfootnote1sym">1</a> DIE ZEIT 11/2003: Jens Jessen: Humanitäre Rüstung</p>
</div>
<div id="sdfootnote2">
<p><a href="#sdfootnote2anc" name="sdfootnote2sym">2</a> Mary B. Anderson: Do no harm. How Aid can support peace &#8211; or war. Boulder/Colorado: 1999.</p>
</div>
<div id="sdfootnote3">
<p><a href="#sdfootnote3anc" name="sdfootnote3sym">3</a> Bob Woodward: Bush at war. Hamburg: 2002</p>
</div>
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